Europa verfügt über die Bausteine für digitale Souveränität. Jetzt braucht es ein Ökosystem.
23 September 2026
Europa verfügt heute über leistungsfähige Cloud-Anbieter, innovative Softwarelösungen, robuste Infrastrukturen und ein Technologie-Ökosystem, das zunehmend an Reife gewinnt. Im Rahmen der Nexus-Messe habe ich gemeinsam mit Serge Dupouy (OVHcloud) und Benjamin Lerouge (Sharekey) in einer Podiumsdiskussion die Konturen eines souveräneren digitalen Europas skizziert. Die Herausforderung besteht nicht länger darin zu beweisen, dass europäische Alternativen existieren, sondern darin, diese Stärken zu bündeln und ein Ökosystem aufzubauen, das mit den weltweit führenden Technologieanbietern konkurrieren kann.
Digitale Souveränität ist zu einer zentralen strategischen Herausforderung für Europa geworden. Unser Kontinent war bislang in hohem Maße von amerikanischen und asiatischen Technologien abhängig, von Hardware bis Software. Die zunehmenden geopolitischen Spannungen und Handelskonflikte auf globaler Ebene machen uns heute die Risiken dieser Abhängigkeit deutlich bewusst.
Dabei verfügt Europa bereits über die Technologien, die Kompetenzen und die Infrastrukturen, die notwendig sind, um seine digitale Autonomie zu stärken. Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, die verschiedenen Akteure zusammenzubringen, die einzelnen Puzzleteile sinnvoll miteinander zu verbinden und ein echtes digitales Ökosystem zu schaffen.
Souveränität beschränkt sich nicht auf die Datenhaltung
Wenn von digitaler Souveränität die Rede ist, steht häufig die Frage nach dem Speicherort der Daten im Mittelpunkt. Unternehmen und Organisationen stellen berechtigterweise grundlegende Fragen: Wer hat Zugriff auf meine Daten? Welcher Gerichtsbarkeit unterliegen sie? Wer kontrolliert die Verschlüsselungsschlüssel?
Diese Fragen gehören heute zu den ersten Kriterien bei der Bewertung digitaler Lösungen. Dennoch darf sich die Diskussion nicht allein auf diese Aspekte beschränken.
Sharekey hat beispielsweise ein sehr interessantes Modell entwickelt, bei dem die Verschlüsselungsschlüssel digitaler Vermögenswerte vollständig unter der Kontrolle der Nutzer bleiben. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Tatsächlich umfasst Souveränität jedoch mehrere Ebenen: Daten, die eingesetzten Technologien, Software-Abhängigkeiten, Hosting-Infrastrukturen und sogar die Eigentümerstrukturen der Unternehmen, die diese Lösungen entwickeln.
Oder um es mit einem bekannten Sprichwort auszudrücken: „Wer das Orchester bezahlt, bestimmt die Musik.“
Solange Europa seine Infrastrukturen, Technologien und die wirtschaftlichen Akteure dahinter nicht vollständig kontrolliert, wird eine gewisse Form der Abhängigkeit bestehen bleiben.
Europa verfügt bereits über starke Grundlagen
Die gute Nachricht ist, dass Europa bereits einen Weg in Richtung größerer digitaler Souveränität eingeschlagen hat und dabei auf zahlreiche bestehende Stärken aufbauen kann.
Allzu oft unterschätzen wir unsere eigenen Fähigkeiten. Europa gilt weltweit als Vorreiter in den Bereichen Vertrauen, Regulierung und digitale Governance. Über viele Jahre hinweg hat unser Kontinent einen international anerkannten Rahmen für Datenschutz, Cybersicherheit und Compliance geschaffen.
Hinzu kommen leistungsfähige Infrastrukturen, eine starke Kultur von Open Source und Interoperabilität sowie ein großes Reservoir an technologischen Talenten. Offene Technologien haben inzwischen einen Reifegrad, ein Leistungsniveau und eine Sicherheit erreicht, die den Anforderungen von Unternehmen und kritischen Organisationen vollständig gerecht werden.
Diese Stärken bilden ein solides Fundament für die Entwicklung souveräner digitaler Lösungen, ohne dabei auf Innovation verzichten zu müssen.
Schluss mit dem Mythos vom europäischen Rückstand
Eine der hartnäckigsten Fehlannahmen besteht darin, dass europäische Technologieanbieter nicht in der Lage seien, Dienstleistungen auf dem Niveau internationaler Hyperscaler anzubieten.
Aus meiner Sicht entspricht diese Wahrnehmung längst nicht mehr der Realität.
Europäische Cloud-Anbieter decken heute die gesamte Bandbreite der Anforderungen moderner Organisationen ab – von Cloud-Infrastrukturen über Softwarelösungen und Datenplattformen bis hin zu künstlicher Intelligenz und Managed Services.
Meiner Ansicht nach können souveräne Umgebungen sogar zu einem starken Innovations- und Wettbewerbsfaktor werden.
Allzu häufig entwickeln Innovationsteams ihre Projekte zunächst in klassischen Public-Cloud-Umgebungen und stoßen erst bei der Produktivsetzung auf komplexe Anforderungen in Bezug auf Compliance und Sicherheit. Wer dagegen von Beginn an in einer souveränen Umgebung arbeitet, berücksichtigt diese grundlegenden Aspekte bereits im Projektstart und spart dadurch wertvolle Zeit.
Keine Zusammenarbeit, keine europäische Souveränität
Die eigentliche Herausforderung ist daher nicht mehr technologischer Natur.
Sie liegt vielmehr in unserer Fähigkeit, als europäische Akteure gemeinsam zu handeln. Wenn wir insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz erfolgreich sein wollen, müssen europäische Technologieunternehmen enger zusammenarbeiten, ihre Kompetenzen bündeln und alle Bausteine vereinen, die für echte digitale Autonomie erforderlich sind.
Wenn wir an die großen Technologiekonzerne denken, übersehen wir oft die umfangreichen Partnernetzwerke, die hinter ihrem Erfolg stehen: Technologieunternehmen, Start-ups, Beratungsfirmen, Joint Ventures, Branchenverbände, Investmentfonds und viele weitere Akteure.
Gemeinsam verfügen sie über enorme wirtschaftliche Schlagkraft. Viele dieser Akteure, darunter auch europäische Unternehmen, handeln verständlicherweise nach wirtschaftlichen Interessen und haben nicht zwangsläufig ein direktes Interesse daran, bestehende Marktstrukturen zu verändern.
Deshalb reicht es nicht aus, lediglich europäische Alternativen Technologie für Technologie bereitzustellen. Es geht ebenso darum, ein dynamisches Ökosystem zu schaffen und zu aktivieren, das Innovation fördert, Synergien entstehen lässt, Märkte gestaltet, Wachstum unterstützt und letztlich die europäische Souveränität stärkt.
Schengen Cloud Alliance: Das europäische Konsortium von DEEP, OVHcloud und Clever Cloud
Diesen Willen zur Zusammenarbeit setzen wir konkret mit der Schengen Cloud Alliance um – einem europäischen Konsortium, das wir gemeinsam mit DEEP, OVHcloud und Clever Cloud initiiert haben.
Unser Ziel ist klar: Wir möchten souveräne Cloud-Dienste anbieten, die ein Höchstmaß an Schutz für sensible Daten gewährleisten und gleichzeitig vollständige technologische Unabhängigkeit von außereuropäischen Anbietern ermöglichen.
Dabei geht es nicht darum, eine einzige starre Lösung zu schaffen. Vielmehr wollen wir ein dynamisches Ökosystem aufbauen, das interoperable, offene und sich ergänzende Services bereitstellt.
Für Kunden bleibt die Wahlfreiheit ein zentrales Prinzip.
Unsere Aufgabe ist es, so überzeugende Lösungen anzubieten, dass Kunden aus Überzeugung bleiben und gleichzeitig jederzeit die Freiheit haben, sich für einen anderen Weg zu entscheiden.
Europas digitale Zukunft schon heute gestalten
Die Ausgangslage ist eindeutig: Europa verfügt bereits über die wesentlichen Bausteine für digitale Souveränität.
Von Softwarelösungen über Cloud-Infrastrukturen bis hin zu Datenplattformen, Fachkompetenzen und offenen Standards sind die Grundlagen vorhanden. Nun gilt es, Kooperationen zu stärken, Interoperabilität zu fördern und die Einführung europäischer Lösungen weiter zu beschleunigen.
Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre wird darin bestehen, wertschöpfende Partnerschaften aufzubauen und nachhaltig zu unterstützen. Innovation entsteht durch Zusammenarbeit. Isolation hingegen bremst Fortschritt und Entwicklung.
Gleichzeitig müssen europäische Unternehmen und Organisationen mehr Vertrauen in die auf unserem Kontinent entwickelten Technologien setzen und deren Einführung konsequenter vorantreiben.
Europa verfügt heute über die Technologien, die Talente und die Infrastrukturen, die es braucht. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, eine weitere Vision digitaler Souveränität zu formulieren, sondern diese gemeinsam Wirklichkeit werden zu lassen.
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