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Mehr als Unabhängigkeit: Digitale Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten zu beherrschen

15 Juli 2026

Die Idee eines vollständig souveränen Informationssystems ist gleichermaßen attraktiv wie herausfordernd. In einem globalisierten digitalen Ökosystem geht es jedoch nicht mehr darum, sämtliche Abhängigkeiten zu beseitigen, sondern zu entscheiden, welche davon prioritär beherrscht werden müssen.

Bei jeder technologischen Krise rückt die digitale Souveränität wieder in den Mittelpunkt. Die Abhängigkeit von amerikanischen Hyperscalern, die Folgen der Übernahme von VMware durch Broadcom, der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz sowie geopolitische Spannungen verdeutlichen, wie stark unsere digitalen Infrastrukturen von weltweit vernetzten Wertschöpfungsketten abhängen. Die Versuchung, ein vollständig souveränes Informationssystem anzustreben, ist daher groß.

Auf der Suche nach einer unerreichbaren Souveränität?

Ein solcher Ehrgeiz ist aus logischer Sicht verständlich. Heute ist sie jedoch weitgehend unerreichbar, wie kürzlich in einer Expertendebatte in Erinnerung gerufen wurde. Prozessoren, GPUs, Betriebssysteme oder bestimmte wesentliche Komponenten werden weiterhin von einigen außereuropäischen Akteuren dominiert. Nach mehreren übereinstimmenden Schätzungen wird ein überwältigender Teil der für künstliche Intelligenz verwendeten GPUs auch heute noch von Nvidia produziert, was den Grad der Abhängigkeit Europas von dieser technologischen Ebene verdeutlicht. Dies wurde im Übrigen vor einigen Monaten im Draghi-Bericht über die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit dargelegt. Sollten wir daraus schließen, dass die digitale Souveränität eine Illusion ist? Sicherlich nicht. Aber wir müssen zweifellos unsere Perspektive ändern.

Weg von einer binären Sichtweise der Souveränität

Digitale Souveränität lässt sich nicht verordnen – sie muss schrittweise aufgebaut werden. Eine souveräne Organisation ist nicht diejenige, die von niemandem abhängig ist, sondern jene, die ihre Abhängigkeiten kennt, priorisiert und die Fähigkeit besitzt, diese weiterzuentwickeln.

Anstatt zwischen vollständig souveränen und nicht souveränen Infrastrukturen zu unterscheiden, sollten Organisationen in Schichten denken. Nicht alle Abhängigkeiten haben die gleiche strategische Bedeutung. Einige lassen sich relativ schnell reduzieren, während andere noch mehrere Jahre industrieller Entwicklung erfordern werden.

Dies setzt zunächst eine genaue Kenntnis des eigenen Informationssystems voraus. Welche Anwendungen sind tatsächlich kritisch? Wo befinden sich sensible Daten? Welche Anbieter bündeln die wichtigsten Abhängigkeiten? Die systematische Kartierung dieser Faktoren ist heute eine Grundvoraussetzung für jede glaubwürdige Souveränitätsstrategie.

Für bestimmte Ebenen existieren bereits leistungsfähige europäische Alternativen. Cloud-Lösungen, Virtualisierungstechnologien, OpenStack-Plattformen und einige Kollaborationslösungen ermöglichen es zunehmend, Abhängigkeiten zu diversifizieren. Andere Bereiche sind deutlich komplexer. Halbleiter, KI-Beschleuniger und Betriebssysteme werden nach wie vor von wenigen globalen Akteuren beherrscht.

Entscheidend ist daher nicht die vollständige Beseitigung aller Abhängigkeiten, sondern deren Priorisierung, Verständnis und gezielte Reduzierung, insbesondere dort, wo sie die größte Gefahr für die Geschäftskontinuität darstellen.

Reversibilität wird zu einem Governance-Prinzip

Diese Entwicklung verändert auch die Art und Weise, wie digitale Architekturen konzipiert werden. Lange Zeit standen Leistung und Kosten im Vordergrund. Heute ist die Fähigkeit, die eigene Entscheidungsfreiheit zu bewahren, mindestens ebenso wichtig geworden.

Das jüngste VMware-Beispiel hat gezeigt, wie aus einer technologischen Abhängigkeit schnell eine wirtschaftliche Abhängigkeit werden kann, wenn sich Vertragsbedingungen abrupt ändern. Offene Architekturen zu gestalten, Standards gegenüber proprietären Technologien zu bevorzugen, Migrationsszenarien frühzeitig zu planen und bereits bei der Einführung die Bedingungen für einen Anbieterwechsel festzulegen, sind heute wesentliche Grundsätze.

Reversibilität ist längst nicht mehr nur eine Vertragsklausel, sondern ein zentrales Element der Resilienz.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass dieser Wandel vor allem eine menschliche Herausforderung darstellt. Die Technologien existieren häufig bereits. Was oft fehlt, sind die Kompetenzen, um sie einzuführen, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Die Weiterbildung von Teams, der Aufbau von Know-how in offenen Technologien und die Begleitung organisatorischer Veränderungen sind heute ebenso wichtig wie technologische Investitionen.

Digitale Souveränität entsteht daher nicht spontan, sondern durch eine strukturierte und methodische Vorgehensweise. Vor jeder technologischen Entscheidung sollten Unternehmen ihre digitalen Abhängigkeiten analysieren, kritische Anwendungen und Daten kartieren und einen an ihren Geschäftsanforderungen orientierten Souveränitätsfahrplan definieren.

Erst auf Grundlage dieser Analyse sollten technische Transformationen umgesetzt werden – mit Fokus auf die sensibelsten Vermögenswerte und deren schrittweise Weiterentwicklung in einem realistischen Rahmen der Kontrolle und Risikominimierung.

Eine auf Vertrauen basierende Souveränität

Letztlich lässt sich digitale Souveränität weder auf den Speicherort von Daten noch auf die Herkunft von Anbietern reduzieren. Sie beruht auf der Fähigkeit einer Organisation, langfristig die Kontrolle über ihre Entscheidungen zu behalten.

Dies erfordert eine aktive Steuerung von Abhängigkeiten, modulare Architekturen, echte Reversibilität und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Organisationen und ihren Partnern. Dieser Punkt ist entscheidend. Es gibt keine universelle Lösung: Jedes Informationssystem hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Rahmenbedingungen und sein eigenes Risikoprofil.

In einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen und wachsender strategischer Bedeutung digitaler Infrastrukturen ist Souveränität nicht länger ein Versprechen technologischer Reinheit. Sie wird zu einem pragmatischen, langfristigen Ansatz des Risikomanagements.

Wahre Souveränität besteht vermutlich nicht darin, alle Abhängigkeiten zu beseitigen. Sie besteht vielmehr darin, sie zu verstehen, sie – wenn möglich – bewusst zu wählen und ihnen niemals hilflos ausgeliefert zu sein.

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