Der Aufstieg von Coding-Assistenten und KI-Agenten verändert bereits den Alltag unserer Entwicklungsteams. Doch über individuelle Produktivitätsgewinne hinaus befindet sich der gesamte Softwareentwicklungszyklus in einem tiefgreifenden Wandel. Im Rahmen der Veranstaltung Nexus hatte ich die Gelegenheit, mich mit Lucien Loiseau (OVHcloud) auszutauschen und unsere gemeinsame Vision einer neuen Generation von Organisationen zu teilen, in der künstliche Intelligenz zu einem echten Partner bei der Entwicklung und Produktion von Software wird.
Mit der Einführung von KI verändern sich unsere Berufe grundlegend. Die Fähigkeiten KI-gestützter Programmierassistenten entwickeln sich kontinuierlich weiter und ermöglichen eine neue Art der Softwareentwicklung: Vibe Coding. Dank dieser Werkzeuge können Mitarbeitende heute mit wenigen Anweisungen in natürlicher Sprache vollständige Anwendungen erstellen, hochwertigen Code generieren oder Fehler beheben. Hinter diesen beeindruckenden Demonstrationen verbirgt sich jedoch eine noch tiefgreifendere Veränderung. Die Herausforderung besteht heute nicht mehr nur darin, die Arbeit von Entwicklern zu beschleunigen, sondern die Art und Weise neu zu denken, wie Unternehmen Software entwickeln und nutzen.
Der Entwickler schreibt keinen Code mehr – er definiert die Absicht
In unserer Branche entwickelt sich alles in rasantem Tempo. Lucien Loiseau berichtete mir, dass vor einem Jahr etwa 10 % seines Codes von KI generiert wurden, während dieser Anteil heute nahezu 100 % erreicht. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Rolle des Entwicklers nicht verschwindet – sie entwickelt sich vielmehr zu einer strategischeren Funktion.
Moderne Entwicklungsagenten erzeugen nicht nur einzelne Codezeilen. Heute können sie ihre Ergebnisse selbst ausführen, testen, korrigieren und verbessern, um ein definiertes Ziel zu erreichen. Entwickler greifen daher verstärkt vor und nach der eigentlichen Umsetzung ein: Sie definieren die Vision, legen Ziele fest und überprüfen die Resultate. Wie bei jeder großen technologischen Entwicklung steigt auch hier die Abstraktionsebene. Nach Hochsprachen und Frameworks arbeiten wir nun direkt mit unseren Absichten. Unsere neue Programmiersprache ist ganz einfach die natürliche Sprache – beziehungsweise Englisch.
Vervielfachte Produktivität
Die Produktivitätsgewinne, die wir beobachten, sind enorm. Je nach Kontext kann ein Entwickler heute innerhalb weniger Stunden Aufgaben erledigen, die früher mehrere Tage intensiver Arbeit erforderten. Meiner Einschätzung nach besteht aktuell das Potenzial, die persönliche Produktivität eines Entwicklers um den Faktor drei, fünf oder in bestimmten Fällen sogar zehn zu steigern – insbesondere bei kleineren Projekten oder Proof-of-Concepts.
Dadurch eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Wo früher ein komplettes Team für ein Projekt erforderlich war, werden künftig wenige Personen eine echte Armee spezialisierter Agenten steuern können. Diese Entwicklung demokratisiert den Zugang zu individueller Softwareentwicklung erheblich und stellt insbesondere für kleinere Unternehmen eine große Chance dar.
Technische Schulden verschwinden nicht
Dennoch müssen wir realistisch bleiben: Die heutigen KI-Systeme sind nicht perfekt. Sie machen Fehler, wählen gelegentlich problematische Abkürzungen und verfügen nicht immer über ein vollständiges Verständnis komplexer geschäftlicher Zusammenhänge. Werden diese Systeme nicht ausreichend überwacht, steigen technische und kognitive Schulden exponentiell an.
Mit anderen Worten: Software schneller zu entwickeln bedeutet keineswegs automatisch, bessere Software zu produzieren. Unsere Aufgabe als Entwickler und Architekten besteht daher darin, die Gesamtkonsistenz sicherzustellen, Entscheidungen kritisch zu prüfen und die Qualität der Systeme langfristig zu gewährleisten.
Die eigentliche Herausforderung: Organisationen transformieren
Angesichts dieser Entwicklungen halte ich eine andere Frage für besonders spannend: Es geht nicht mehr allein um individuelle Produktivität. Vielmehr sollten wir uns fragen, ob sich diese Produktivitätsgewinne, die bereits auf Projektebene erzielt werden, auch auf die gesamte Organisation übertragen lassen.
Anstatt unsere Prozesse an standardisierte Software anzupassen, könnten wir künftig wesentlich einfacher Anwendungen entwickeln, die perfekt auf jeden geschäftlichen Kontext zugeschnitten sind.
Für mich besteht das eigentliche Ziel nicht nur darin, schneller zu werden, sondern Unternehmen in die Lage zu versetzen, zahlreiche Lösungen zu entwickeln, die exakt ihren operativen Anforderungen entsprechen. Dies setzt selbstverständlich neue Arbeitsmethoden, KI-native Prozesse und Governance-Modelle voraus, die eine effektive Zusammenarbeit zwischen Teams und KI-Agenten ermöglichen.
Von individueller Produktivität zu kollektiver Leistung
Über die reine Codeerstellung hinaus werden wir Agenten sehen, die nicht nur Software entwickeln, sondern auch bestimmte Unternehmensfunktionen direkt ausführen können. Marketing-, Finanz-, Betriebs- oder Projektmanagementabteilungen werden zunehmend auf spezialisierte Agenten zurückgreifen, die gemeinsam daran arbeiten, die von Menschen definierten Ziele zu erreichen.
Genau aus diesem Grund haben wir Breign entwickelt: einen Beschleuniger für die Einführung von KI in Fachabteilungen.
Fazit
Generative KI unterstützt Entwickler längst nicht mehr nur bei ihren täglichen Aufgaben. Sie verändert grundlegend die Art und Weise, wie Software entworfen, entwickelt und betrieben wird.
Für Unternehmen besteht die Herausforderung heute nicht mehr nur darin, Zeit zu sparen, sondern diese neue Zusammenarbeit zwischen Menschen und intelligenten Agenten so zu orchestrieren, dass nachhaltiger Mehrwert entsteht.
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